Angst vor dem qualvollen Sterben

Kolumne Juli 2015

Der Deutsche Bundestag wird im Herbst über eine gesetzliche Änderung der Sterbehilfe entscheiden. Außerdem ist geplant, die palliativmedizinische Versorgung zu verbessern. Beide Gesetzesvorhaben ergänzen die Maßnahmen der letzten Jahre, um verbesserte Bedingungen für die Sterbephase eines Menschen zu schaffen. Begleitet wird diese Debatte aber von der Angst, dass die Änderungen im Widerspruch zur Unantastbarkeit der Menschenwürde stehen oder durch eine Öffnung der Rechtslage Sterbehilfeorganisationen gewerbs- oder geschäftsmäßig die Beihilfe zur Selbsttötung anbieten könnten.

Es geht dabei allein um die Suizidbeihilfe in „organisierter“ Form. Alle anderen Formen der Suizidbeihilfe würden auch weiterhin grundsätzlich straffrei bleiben. So können Ärzte unheilbar kranken und leidenden Menschen auf deren Wunsch hin schon heute „zum“ Sterben verhelfen. Man spricht von der ärztlichen Beihilfe beim Suizid, nicht aber von der strafrechtlich verbotenen Tötung auf Verlangen.

„Menschenwürde“ und „Selbstbestimmung“ sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang genannt werden. Dabei geht es den leidenden Menschen nicht um eine ethisch-rechtliche Bewertung ihrer Situation. Sie begleitet allein die Angst vor einem qualvollen Sterben auf ihrem letzten Weg vom Leben in den Tod. Wer kann das nicht verstehen?

Die Sterbehilfe bietet für die Betroffenen von schwerer Krankheit eine Möglichkeit, sich für einen sanften Übergang vom Leben in den Tod zu entscheiden. Dafür müssen aber meines Erachtens sehr strenge Maßstäbe angelegt werden, um auch zu vermeiden, dass Menschen, die in Lebenskrisen stecken, verzweifelt oder "lebensmüde" sind, sich leichtfertig zu einem solchen Schritt als Ausweg ihrer Probleme entscheiden können.

Dabei kann in der Sterbephase das körperliche Leiden und die seelische Not auch durch palliative Maßnahmen gelindert und den Erkrankten die Angst vorm qualvollen Tod genommen werden. In der Hospiz- und Palliativmedizin tritt die Heilung als therapeutisches Ziel in den Hintergrund. Es geht nicht darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern um einen angst- und schmerzfreien Übergang vom Leben in den Tod.

Ich glaube, dass wir in unserer Gesellschaft viel stärker die hervorragende Arbeit von Palliativmedizin und der Hospizversorgung fördern und in das Bewusstsein der Menschen bringen müssen. Gerade hiermit kann den betroffenen Patienten die angesprochene Angst vor dem befürchteten "qualvollen" Sterben genommen und sie sozusagen in Frieden in den Tod begleitet werden. Dazu bedarf es der Aufklärung und einer stärkeren finanziellen Ausstattung.

Ich bin deshalb gegen eine Öffnung der Sterbehilfe, weil die jetzigen Freiräume der Sterbehilfe für die individuellen Bedürfnisse sterbender Menschen ausreichen – und ich halte den weiteren Ausbau von Palliativmedizin und Hospizeinrichtungen für dringend notwendig, um ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Auch dafür dient die Debatte im Deutschen Bundestag.

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